Die Grenzen des Homeschoolings

Die Kultusminister haben sich am 28. April, darauf geeinigt, dass bis zu den Sommerferien -um weitere Ansteckungen mit Corona zu verhindern – ein Mix aus Präsenzunterricht und Lernen zuhause/Homeschooling ausgebaut werden soll. Der Mix ist unbedingt notwendig. Denn seitdem ich meine siebenjährige Tochter beim Lernen daheim unterstütze, weiß ich, dass Kinder und Jugendliche auf einiges verzichten müssen, was Ihnen die Schule bietet.  Besonders in drei Bereichen stößt das sogenannte Lernen zuhause – umgangssprachlich Homeschooling genannt – an seine Grenzen.

Kinder brauchen andere Kinder.

  • Die Klassengemeinschaft und damit einhergehende Rivalitäten oder/und Freundschaften sorgen im besten Fall für eine Fokussierung. Umgekehrt sind beim Homelearning das Spielzeug, die Nachbarn vor dem Fenster oder das eigene Bett superinteressant. Angesichts dieser Konkurrenz und mangels anderer Kinder habe ich eine Stoppuhr bei einzelnen Aufgaben eingeschaltet, um meiner Tochter das Gefühl von Gegenüber zu geben. Ohne zeitliche Vorgabe messen wir, wie lange sie für bestimmte Aufgaben benötigt. Ich habe nicht damit gerechnet, aber sie findet das anregend. „Wie lange habe ich gebraucht?“, interessiert sie plötzlich sehr. Beim alleine zu Hause lernen fehlt ihr offenbar der Maßstab – den ihr in der Schule andere Kindern bieten. So ist die Stopuhr ein Ersatz, allerdings ein sehr eindimensionaler, für ein Reiben an anderen Kindern. Der Erziehungswissenschaftler Peter Struck, Professor in Hamburg, bestätigt diesen Eindruck: „Kinder lernen am besten durch Reden, Handeln und zu zweit. Da in Lerngruppen oft schwache, durchschnittliche und gute Schüler zusammenarbeiten, lernen sie viel durch Reden und Fragen, durch Um- und Irrwege sowie durch Handeln und gegenseitiges Helfen. Erklärt ein Schüler etwas dem anderen, kommt es zu so genannten „mitreißenden Effekten“ – und zwar auf beiden Seiten: Der gute Schüler erreicht durch das Erklären einen besseren Abstraktions- und Vertiefungsgrad und erwirbt soziale Kompetenzen, während der schwächere Schüler es toll findet, dass sich ein Gleichaltriger um ihn bemüht und ihm etwas beibringt. Allgemein gilt, dass Kinder von Gleichaltrigen mehr und besser lernen als von noch so klugen und pädagogisch versierten Erwachsenen.“

Kinder brauchen Struktur und eine entsprechende Umgebung.

 

  • Diskussionen wie „Warum denn jetzt? Kann ich nicht erst noch… (turnen, Eis essen, spielen, Fernsehen gucken etc.)?“ erübrigen sich, wenn klar ist, dass um acht Uhr die Schule in einem anderen Gebäude mit anderen Menschen als zuhause beginnt und erst danach zuhause die Ablenkungen wieder genutzt werden dürfen. Gar nicht zu sprechen von Kindern, die zuhause nur einen ungenügenden Arbeitsplatz haben. Und Eltern, die keine Zeit haben, ihre Fragen zu beantworten. Schon die Reformpädagogin Maria Montessori beschrieb vor über hundert Jahren die Bedeutung der „vorbereitenden Umgebung und Struktur“ für das Lernen. Heute ist das Standardwissen in der Pädagogik. Nach Montessori soll die äußere Ordnung dem kindlichen Geist als Orientierung dienen und zu einer inneren Ordnung führen. Diese Struktur können Kinder auch zu Hause finde. Mit Sicherheit finden Sie sie in der Schule.
    Lernen unter Corona-Bedingungen macht Mühe.
    Die Autorin und ihre Tochter beim Lernen zuhause.

Kinder brauchen einen Lehrenden, der sich mit dem Thema und den Methoden, sie zu unterrichten, auskennt und nicht einen, der das Thema gerade selbst lernt.

  • Bei den Themen, die meine Erstklässlerin durchnimmt, ist diese Problematik noch nicht so dringend. Aber selbst hier stutze ich beispielsweise, wenn Sie mich fragt, warum es ein „ck“ gibt und wie der Unterschied zu „k“ in der Aussprache ist. 2008 veröffentlichte der Neuseeländer John Hattie die viel beachtete große Metastudie zum Lernen, deren Hauptaussage war: Ob Schüler erfolgreich lernen, bestimmt größtenteils der Lehrende. Er hat es in der Hand, den Unterricht so zu gestalten, dass der Lerneffekt groß ist. Er kann aber auch das Gegenteil bewirken. Die Professionalität, also etwa wie klar und selbstreflektiert der Lehrende ist, macht hier den Unterschied.

So wie die Situation im Moment aussieht, werden meine Tochter und ich noch etwas länger zu Hause lernen müssen. Wir versuchen, entspannt zu bleiben und nicht zu perfektionistisch. Umso mehr freuen wir uns auf den Tag, an dem die Schule wieder beginnt. Denn das Lernen daheim ist nur ein schlechter Ersatz für den Unterricht an unseren Schulen.

Weitere Informationen

Die analoge Schule ist unverzichtbar, findet auch der Bildungsphilosoph Dr. Matthias Burchardt. Seinen offenen Brief liest man hier

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